E. Schneitter im Emerald Tablet in SF
E. Schneitter im Emerald Tablet in SF

 

 

Austrian Beat - Hrsg. Elias Schneitter & Helmuth Schönauer

 

In dieser Anthologie sind Beiträge von 27 österreichischen Autorinnen und Autoren vereint, die alle mit dem "Beat" in Verbindung stehen.
Joe Berger, Wolfgang Bauer, ruth weiss, Günther Eichberger, Judit Pouget, Tom Antonic, Dieter Sperl, Thomas Frechberger, Wolfgang A. Eigensinn, Waltraud Haas, Thomas Northoff, Winfried Gindl, Helmuth Schönauer, Richard Wall, Stephan Eibel, Heinz D. Heisl, Robert Prosser, Bernhard Widder, Christian Loidl, Peter Prieler, Stefan Schmitzer, Martin Kolozs, Günther Geiger, Stephan Alfare, Isabella Breier, Rudolf Lasselsberger, Rudolf Krieger

 

ISBN: 978-3950-441956 

276 Seiten
14,90 €

GEGENWARTSLITERATUR 2750 - H. Schönauer bringt den Beat auf den Punkt
Rom, Blicke
Ein Leben lang tragen wir Beatniks die Sterbeformel von Rolf Dieter Brinkmann durch den Rest unseres Lebens: Er betrat die Straße, aber kam nie drüben an!
Dieser Tage ist die hoffentlich bald weltberühmte Anthologie „Austrian Beat“ erschienen, worin 27 österreichische Autorinnen und Autoren versammelt sind, die mit dem Beat zu tun haben. In den Textbeiträgen schlägt auch immer wieder die Beschwörungsformel durch: Warum ich Beatnik geworden und geblieben bin!
Ein Schlüssel-Buch für diese Auseinandersetzung ist beim einen oder anderen dieses gigantische „Rom, Blicke“ aus dem Jahr 1979 geworden, worin Brinkmanns Aufzeichnungen und Arbeiten während des Stipendiums an der Villa Massimo in Rom verarbeitet sind.
Das Buch hat vielen von uns das Konzept des Scheißfadens vermittelt. Dabei schreibt der Dichter lebenslänglich, wie andere lebenslänglich verdauen. Das Schreiben ist eine Art Verdauungsvorgang, und das Wort Stoffwechsel kommt in der Materialiensammlung mehrfach vor.
Die Reaktionen auf diese Vorgangsweise sind verschieden, norbert c. kaser etwa hat diese &-Zeichen von Brinkmann übernommen. Alle, die mit der Peripherie zu tun haben, sind früher oder später durch Brinkmann ermuntert worden, aus dem offiziösen Literaturbetrieb auszusteigen und den eigenen Scheißfaden zu entwickeln.
Mit der Zeit ist dieses Buch die Ur-Bibel der Austro-Beatniks geworden, mein Exemplar ist wegen des schlechten Leims und des glatten Papiers für die Fotos schon ziemlich aus dem Leim und aus dem Foto gegangen. Nur weil ich Bibliothekar bin und mit Inkunabeln, Vignetten und dergleichen umgehen kann, darf ich mir zwischen durch einen Blick in Rom, Blicke leisten, bei jedem anderen würde das Buch schon zu Staub zerfallen.
Tatsächlich sind die meisten Beatnik jetzt in einem Alter, wo ihnen die Bücher aus der Jugend noch zu Lebzeiten zerfallen. Als idealer Jahrgang gilt für einen Beatnik das Stalin-Jahr 1953, weil sich in diesem Jahr wie beim Abgang eines Gottes jeder als göttlicher Nachfolger von etwas Verschwundenem identifizieren kann.
Und wenn man die von Stalin verfolgte Literatur etwa Andrej Platonows liest, merkt man den Beat pur: Kaputte Natur, Dampf, Schweiß, Scheiße, Peripherie, on the Rail.
„Rom, Blicke“ ist als Verdauungs-Collage aufgebaut, der Villa-Massimo-Stipendiat frisst oben permanent den Schreib-Alltag hinein, und unten kommt die Literatur heraus. Die muss nur noch abgepackt und portioniert werden.
Was das Lesen so wild und sperrig macht, ist dieses geklebte und gepresste Layout, das an einen Verdauungsvorgang erinnert, der noch nicht fertig ist. Das Fehlen von Handy, Selfie, Blog und Tweed lässt den Text stählern und fest erscheinen, während er in Wirklichkeit damals als Blog, Tweed oder Mail entwickelt worden ist. Das Leseauge lässt sich nicht zurückdrehen, wir denken die inzwischen entstandenen Medien mit und begreifen dadurch, wie viel in diesem Materialien-Band an Sozialmedia schon vorweggenommen ist.
Je nach hormoneller Verfassung liest man aus dem Konvolut diverse Scheißfäden heraus. Einmal geht es um die Fernbeziehung einer Liebe, die umständlich mit Zugfahrten, Zwischenurlauben und Stehtelefonaten aufrecht erhalten werden muss.
Dann geht es um den Literaturbetrieb, der sich im Herum-Schaseln in der Literaturvilla zeigt und als provinzieller Antipoden in Graz, das damals zur Hauptstadt der Provinzdichtung aufgerückt ist.
Ein wesentliches Element ist das On the Road by Train, das durchaus in eine Interrail-Literatur führt. Die Städte werden nicht von vorne mit der Ansichtskarte in der Hand betreten sondern von hinten mit dem Zugticket, das eine Anreise durch Müll, Hinterhöfe und Vollscheiße ermöglicht.
Schließlich dient der Materialien-Band dem Autor als Vorstufe für eine Literatur, die er vielleicht in nächster Zeit bewerkstelligen muss. Allmählich setzt sich aber die Erkenntnis durch, dass Literatur genau dieser Scheißfaden ist, der nicht mehr in Gedichte, Hörspiele oder Lesungsauftritte verpackt werden muss.
Diese Elemente leiten Autorinnen und Autoren, die in Österreich eine Beatnik-Literatur etablieren. Dabei ist das Wort Beatnik eine keusche Würdigung an den Sputnik, der von den Sowjets ins All geschossen wird wie ein Dichter oder später bei Bowie der gute Major Tom.
Von der Wiener Gruppe haben wir alle gelernt, dass eine Diskussion über disparate und klandestine Literatur nur funktioniert, wenn man einen Kunstbegriff installiert. So sind ja die Einzelgänger der Wiener Gruppe erst durch die Diskussion als Wiener Gruppe miteinander bekannt gemacht worden.
Etwas ähnliches könnte beim Austrian Beat funktionieren. Germanistisch abgeschirmt durch Rolf Dieter Brinkmann kommen die Geschlagenen, Verhöhnten, Verfolgten und Ausgestoßenen des Literaturbetriebs in jenen Zustand des Selbstbewusstseins von dem es pathetisch ernüchternd heißt: Die Rente des Beatniks ist der Tod!

 

 

Fußball ist auch bei Regen schön

Es gibt so Lebensweisheiten, die muss man sich durch ein intensives Leben erarbeiten. Eine solche Weisheit lautet: Die wahre Kunst findet im Prekariat statt! Eine Gruppierung, die diesem Überlebensprogramm huldigt, sind die Beatniks in allen Varianten. Sie können als Musiker, Schriftsteller oder Fußballkünstler auftreten, stets bleiben sie dem Fußballmotto treu, wonach man sich möglichst am Rand entlang spielen muss, um in Tornähe zu gelangen.

Elias Schneitter ist ausgewiesener Fachmann für prekäre Kunstformen. Sein Reader „Austrian Beat“ versammelt eine Auswahl von Autorinnen, deren Leben an der Kante zum Überleben entlangläuft, wodurch das literarische Werk oft außerhalb der gesellschaftlichen Wahrnehmung zu liegen kommt. Denn auch in der Literatur gilt in Zeiten fossiler Energien die Parole: Ohne Kohle läuft nichts! 

Längst ist die Parallele zwischen Literatur und Fußball dokumentiert, einschlägige Kaliber wie Wendelin Schmidt-Dengler, Klaus Zeyringer oder Franzobel haben die beiden Welten mit ihren eigentümlichen Gesetzen und Vokabeln in Aufstellung gebracht.

Elias Schneitter dokumentiert bereits im Titel seiner „Auto-Kick-Biographie“, dass es um den irdisch-bodenständigen Fußball geht, um das Kicken der Kids und späteren Aufsteiger in bürgerlichen Berufen, um den Fußball am Rand des Dorfes auf der Gstettn zwischen dem Aushubmaterial der Häuslbauer, um Fußball im Regen eben.

In einer durchgängigen Ich-Erzählung kommt eine typische Underdog-Karriere zum Vorschein. Zu Beginn hat der Erzähler nicht einmal einen eigenen Ausweis und muss unter fremdem Namen und Ausweis zu den Matches antreten. Bei der Siegesfeier freilich schmaust der Ausweisträger die Würstel, die allenthalben als Prämie ausgelobt sind. Die schöne Welt der Brache wird jäh unterbrochen, als der Held ins Internat muss. Wer eingesperrt ist, verliert oft seine Mannschaft, wiewohl gerade Inhaftierte und Internatszöglinge den besten Fußball der Welt spielen.

Später wird der Erzähler ins Ober- und Unterland verschlagen, wo er als Hilfstrainer, Outwachtler und Reserve-Manager in diversen Vereinen reüssiert. Ewig in Erinnerung bleibt eine furchtbare Niederlage, die der Coach mit dem Rücken zum Feld überstehen muss. Noch Jahre später wird er auf der Straße angesprochen und mit jenem legendären Spiel in Verbindung gebracht, bei dem die betreute Mannschaft schließlich auf das eigene Tor schoss, um irgendwie die Zeit bis zum Abpfiff zu überbrücken.

Dramatisch können freilich auch Spielbesuche ausfallen, die der inzwischen Vater gewordene Chronist mit seinem fußballbegeisterten Sohn absolviert. Einmal bricht ein Spieler zusammen und muss mit dem Helikopter abtransportiert werden, ein andermal verwechselt die Kellnerin der Kantine Schnaps mit Spülmittel, was zu horrender Verätzung führt. Der Sohn wird von diesen Ereignissen tapfer abgeschirmt, aber er kapiert, dass Fußball auch mit Tragödien um Leben und Tod zu tun hat.

Die entscheidende Frage für Beatniks-Kicker ist immer jene nach dem Überleben. Der Autor arbeitet mittlerweile bei der Krankenkasse, die um diese Zeit als Zentrum des Beat gilt. Der Direktor ist gleichzeitig Vereinspräsident eines Landesligavereins und stellt seine Mitarbeiter nach den Bedürfnissen der Spielgemeinschaft an. Bei ihm wird nicht ein Stürmer gekauft, sondern jemand in der Krankenkasse angestellt, der stürmen kann. Nach wilden Spielen dürfen die Regio-Stars ihre Blessuren in der Krankenkasse behandeln lassen.

Als Fußball-Historiker hat Elias Schneitter Zugang zu einem gigantischen Fundus an Anekdoten und Kleinschicksalen. Oft genügt es, das Foto einer historischen Mannschaft aufzublenden, und schon springen zu jedem Namen die entsprechenden Erinnerungen an. Mittlerweile ist Elias Schneitter so etwas wie „Lebens-Fan“ beim Wiener Sportclub, dessen Historie mindestens so heftig ist wie jene des FC Wacker in Tirol. Beide Vereine sind längst über dem Zenit der Vereinsgeschichte und somit ideale Leitvereine für das Kicken ohne Sonnenschein.

Im Fußball der sogenannten Niederungen spielen auch Vorbilder und Genies eine große Rolle. Wegen eines genialen Passes in die Weite des Spielfelds wird der Autor plötzlich Löhr genannt, weil dieser in der Deutschen Bundesliga ebenfalls einen solchen Pass geschlagen hatte. Wenn jemand außerhalb des Platzes ein exzessives Leben führt, wird er mit Georgie Best verglichen, den man oft fälschlich für einen Schotten hält, weil man sich als Nordtiroler nichts unter einem Nordiren vorstellen kann. Wenn jemand zum Genie erkoren wird, ist es selbst im Fußball egal, welche Nationalität er hat. (35)

Diese wundersame Geschichte vom Fußball jenseits der Kohle lässt sich am besten mit einem Schweizer Witz abrunden. Beim Literaturfestival in Hall in Tirol erklärt der Schriftsteller Peter Bichsel zu später Stunde, warum der Schweizer Fußball nichts mehr zusammenbringt. „1924 gab es beim Schweizer Fußballverband eine Statutenänderung: Damals wurde das Rauchen auf dem Spielfeld während eines Matches verboten.“

Helmuth Schönauer