Arno Heinz (Privatfoto)
Arno Heinz (Privatfoto)

Arno Heinz,
geboren 1941 in Innsbruck, lebt in Paris und Innsbruck. Als freischaffender Architekt und als UNESCO-Experte hat er in europäischen und orientalischen Ländern gear- beitet.
Literarische Veröffentlichungen: «Sie stand da» (Haymon Verlag 2006); im Kyrene Literaturverlag: «Schwindelfrei im Lichtermeer» (2009), «Vielleicht nicht ich» (2011), «Und eine Nacht» (2013), «Orient Blues» (2017)

 

Arno Heinz - Samowar & Huflattich

 

Eine einfühlsame, berührende Geschichte aus den Vierzigerjahren in Innsbruck/Mühlau

 

Wenn wir Geschichten aus unserer Kindheit erzählen, geraten wir leicht in Versuchung, entweder die fröhlichen oder die traurigen Erlebnisse zu betonen, so als hätten wir insgesamt nur eine gute oder eine schlechte Kindheit erlebt. Doch selbst in Kriegszeiten und danach gibt es sowohl ernste wie witzige Erfahrungen. 
Ist es den Versuch wert, Kindheitserlebnisse aufzuschreiben, ohne Missverständnisse beim Leser auszulösen? Es hat ja jeder ein souveränes Recht, seine eigene Kindheit zu sehen wie er will, diese besondere « Reifezeit des Lebens ».

Samowar & Huflattich
Die Kunst eines Künstlers besteht vor allem darin, die eigene Kindheit zu beschreiben und daraus die Thesen für ein sinnvolles Leben abzuleiten.
Arno Heinz ist Architekt und Schriftsteller, von Kindheit an interessiert ihn die Verquickung dieser beiden Künste in der Hoffnung, dass dadurch standfeste Literatur und informative Architektur entstehen könnte. Ein Leben lang beschäftigt ihn außerdem die Quellenforschung für das eigene Programm. Wo in der Kindheit sind die Weichenstellungen passiert, die aus ihm einen Künstler gemacht haben?
Die Dramaturgie einer Kindheit besteht darin, dass die einzelnen Bilder eben keinen Roman ergeben, sondern Bilder ohne Zusammenhang bleiben, die bei jedem Erinnern neu geordnet werden müssen. Die Kindheit des Autors fällt in die Kriegs- und Nachkriegszeit, wo die Ereignisse bewusst anders erzählt worden sind, als sie vielleicht gewesen sind.
Die Hauptrolle spielen die beiden Großmütter, von denen die eine (männlich) General und die andere (männlich) Dichter genannt wird. Die Haupteigenschaften sind somit Ordnung und Fantasie. Aber auch die zufälligen Passanten steuern gute Bilder zur Kindheit bei, in erster Linie sind es die Toten nach einem Bombenangriff, die von blutenden Lebenden umkränzt werden. Für das Kind ist das alles logisch, auch dass der Großvater offensichtlich in den Wald flüchtet und dort erst recht von Bombensplittern eingeholt wird.
Die Kinder dürfen im Unglück das ausleben, was man heute Freilandhühnern zugesteht, weshalb sie sich in der Rückschau Freilandkinder nennen. (27) Ständig kommen Leute vorbei, die auf der Flucht sind und ein paar Stunden verweilen, andere werden umquartiert, und als schließlich die Befreiungsarmee kommt, muss die Wohnung abermals geräumt werden.
Ordnung in dieses Erlebnis-Chaos bringt die eine Großmutter mit ihrem Ordnungswahn. Alles ist einer Zahl untergeordnet, weshalb die Kindheit auch von zwölf auf eins heruntergezählt wird. Dabei ist zwölf eine gute Zahl, die für schöne Erlebnisse herangezogen wird, elf ist eine schlechte, weil da der Jesus-Verräter schon ausgeschlossen ist aus der heiligen Zahl zwölf. So wird ein schönes Spiel mit Kaulquappen der Zwölf zugeordnet, das Zusammenspiel von Großmutter und Großvater der Unglückszahl elf. Dieses irre Zahlenspiel ist unterlegt mit der Zauberkraft gewisser Wörter. „Samowar“ wird zwar von der Großmutter in einem logischen Sinn verwendet, das Kind kann sich aber nichts Genaues vorstellen und weiß nur, es muss sich diesen schönen Begriff aufbewahren für ein schönes Ereignis.
„Ich wollte ohne Hilfe der Erwachsenen das Rätsel um Samowar lösen, immerhin ging ich schon zur Schule. Vielleicht war es eine besondere Speise oder ein besonderes Tier.“ (36)
Das Kind bildet sich ein, dass die Erwachsenen auch ihren Samowar hätten, ein Verwandter nennt beispielsweise die Wunderwaffe des Endkrieges so oder so ähnlich.
Je kleiner die Zahlen werden, umso erwachsener wird der Autor. Einen schweren Einschnitt stellt die Vier dar, die mit dem Eintritt in die Realschule einhergeht. Der Künstler zeichnet Karikaturen, die sich aus Umrissen von Fratzen zusammensetzen, ehe sie von Ausbrüchen aus Hausfassaden abgelöst werden. Die Zeichnungen ringen um Ordnung und Fantasie, wie einst die Großmütter. „Und das schöne Wort Samowar hielt nicht, was es versprach.“ (67)
Das erste Mädchen taucht auf und zieht den Jüngling mit einer Drei in die Welt der Erwachsenen hinein. Großvater stirbt und wird mit einer Zwei begraben. Das Ich steht mit einer Eins plötzlich in der einzigen Welt da, die noch geblieben ist.
Arno Heinz hält sich an die autobiographische Faustregel, dass jeder seine eigene Form für das Erzählen der Kindheit finden muss. Andere haben beispielsweise eine Brache, auf der sie sich ins Leben spielen, andere spielen mit Farben und Gefühlen, dritte sind stolz darauf, mit sich alleine das Spielen erfunden zu haben. Arno Heinz hat sein Zauberwort Samowar, wobei der Huflattich eine Garnitur auf einem Teller ist, auf dem die Leibspeise angerichtet ist.
 
Helmuth Schönauer