Peter Giacomuzzi

Peter Giacomuzzi
Peter Giacomuzzi

Geb. 1955 in Bozen.

1974 - 1981 Studium der Germanistik und Pädagogik in Innsbruck

1990-2005 Dozent für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität in Tokyo.

Lebt in Innsbruck.

 

http://www.petergiacomuzzi.com/

 

Bei Edition BAES erschienen:

asyl asyl (2016)

frann (2010) 

Peter Giacomuzzi: Briefe an Mimi. 1938 – 1944. Abbildungen.

Zirl: BAES 2022. 252 Seiten. EUR 25,90. ISBN 978-3-95054283-0-5.

Peter Giacomuzzi, geb. 1955 in Bozen, lebt nach Jahren in Japan in Innsbruck. 

 

Briefe an Mimi

Das Wohnzimmer der Literatur ist die Kiste, da fühlt sie sich wohl und beschützt und wartet mit dem Kistenbesitzer tapfer auf das Ende der Welt.

Peter Giacomuzzi ist von Kindheit an von dieser Literatur in der Kiste inspiriert. Bei ihm hat diese Verzauberung die Ausmaße einer Schuhschachtel und steht im Regal seiner Tante, die ihn durchs Studium füttert. In der Schachtel sind Briefe eines gewissen Toni, der als Bild neben dem Fernseher steht. Später ist die Tante gestorben und der Erzähler erwachsen geworden. Mit größter Ehrfurcht sichtet er die Briefe und beschließt nach Jahrzehnten, sie im gefühlten Einklang mit der Tante diskret zu edieren. 

„Briefe an Mimi“ ist ein Stück intime Geschichtsschreibung, wie sie seit Menschengedenken stattfindet. Hinter jeder schriftlich formulierten Liebesgeschichte steckt auch ein Stück jeweilige Gegenwartsgeschichte. Im Endeffekt tun Liebende nämlich nichts anderes, als das große Rätsel vom Leben und Sterben mit den Wörtern des Zeitgeists auf die Intimität herunterzubrechen.

Der Herausgeber fungiert in diesem besonderen Fall als Autor, Zeitgeschichtler und Heimatkundler. Seine Qualifikation für dieses Unterfangen ist nämlich einmalig: „I bin japanischer walscher mit taitsch.“ (23)

Die Briefe an Mimi sind Einweg-Post, die Antworten muss man sich jeweils zwischen den Zeilen erschließen. Die Schreibsituation lässt sich wie ein Klappentext zum Leben zusammenfassen. Der in Bologna studierende Toni lernt bei einem Heimatausflug nach Bozen eine Friseurin kennen, verliebt sich ins Ungewisse und Blaue hinein, und die angeschriebene Mimi schreibt regelmäßig zurück. Es gibt diverse Treffen, die aber die Zukunft offenlassen. Das Ungewisse macht den schreibenden Toni oft eifersüchtig und hilflos, andererseits schiebt er seine Unruhe auf die Politik, die gerade mit der Option über Südtirol hereinbricht. Toni studiert später in Innsbruck, ehe er immer weiter an die Front versetzt wird. Schließlich kommt der letzte Brief Mimis an ihn wieder zurück mit dem Vermerk „Empfänger vermisst“. Mimi ist inzwischen in Innsbruck und berichtet von Bombenangriffen, die ihre FrisurKlienten mit nassem Haar in die Schutzbunker fliehen lässt.

Diese Briefe sind in kursiver Schrift abgedruckt, der Gesprächsstoff verletzt keine Persönlichkeitsrechte, denn wegen der Zensur findet die Post ohnehin öffentlich statt. Neben familiären Schicksalen, die in Nebensätzen erwähnt sind, geht es vor allem um das Diffusum der Zukunft, sowohl was die beiden betrifft, als auch die Gesellschaft.

Einfach durchhalten, warten, weiterschreiben, dranbleiben. – Dieses Verhalten passt sowohl für ein Liebespaar als auch für eine schreibende Person. Die Dichter leben ja schon seit Jahrhunderten in einem aussichtslosen Hoffnungszustand, wofür es keine Erfüllung gibt. Auf der zweiten Ebene sind die Briefe mit historischem, ästhetischen, pädagogischen und geographischem Material unterlegt. Auf gerastertem Untergrund wird etwa ein im Brief zitiertes Liebeslied in voller Länge angespielt, eine sogenannte Hummel-Postkarte liegt als 

Fallbeispiel für Ästhetik des guten Willens bei, der in Südtirol für das letzte 

Weihnachtsgeschäft gebräuchliche „goldene Samstag“ wird in seiner Mehrdeutigkeit vor diversen Stimmungslagen aufgefächert, und das Törggelen erklärt sich im merkantilen Austrinken und Umfallen quasi von selbst.

Manche der vorgestellten Rituale und Geschäfte funktionieren zu allen Zeiten, wie das Trinken, Weinen und Alleinsein, andere sind spezifische Rituale des Regimes, etwa das Öffnen von Briefen, das dem Recherchieren im Internet sehr nahekommt.

Die dritte Ebene ist als vergängliche Blässe ausgeführt. Im sachten Andruck ohne 

Großschreibung schimmern Notizen des Autors aus dem Papier. Manche Absätze sind so zart ausgeführt, dass sie lese-physikalisch das Auge nicht mehr erreichen. Aber Schlüsselwörter und Beschreibungen von Gemütszuständen vermitteln eine Art inneren Monolog, den der Autor über die Edition gestülpt hat.

Die naheliegende Frage, wie hätte ich als Toni gehandelt, zieht sich als durchgehendes Motiv über die Notate. Die Antwort fällt meist „reif“ aus: Wahrscheinlich ähnlich. Denn gegen die Zeitgeschichte hat noch niemand ein Leben hingekriegt, ob in der Liebe, im Studium oder in der physischen Vernichtung durch Arbeit oder Krieg.

Peter Giacomussi schafft mit dieser dreifachen Textschicht eine eigenständige Form von Literatur.

In Tirol werden die sogenannten Südtiroler-Siedlungen mittlerweile abgerissen, umgebaut und für ein neues Geschichtsbild restauriert. Darin sind wahrscheinlich Tausende sogenannter

Erinnerungskisten verwahrt, die manchmal wohl entsorgt werden, in günstigen Fällen im Archiv landen oder aller-günstigstenfalls als „Briefe an Mimi“ in einem Regal für griffbereites Nachdenken.

Helmuth Schönauer

Werke

 

asyl asyl - Gedichte von Peter Giacomuzzi
 
Unser Autor Peter Giacomuzzi gehört zu jenen, die wissen, wovon sie schreiben, denn er arbeitet seit Jahren mit und für Flüchtlinge als Sprachlehrer. Stilistisch und formal genau gearbeitet, inhaltlich authentisch und nicht schon wieder so eine recherchierte Scheiße, wie sie inzwischen unter den Autorinnen und Autoren üblich ist.

 

 

Erscheinungsdatum: 2016

Umfang: 112 Seiten

Preis: EUR 12,-

ISBN 978-3-9504186-6-8

Rezension zu asyl asyl von H. Schönauer

 

Kaum ein Begriff der jüngeren Sprachgeschichte hat es so markant geschafft, vom Liebkind zum Bösewicht und retour zu mutieren, wie dieses in allen Tonlagen beeindruckende Wort Asyl.

Peter Giacomuzzi verwendet Asyl gleich als Doppelgarnitur, um die Wichtigkeit zu betonen und andererseits die semantische Transportkapazität zu erhöhen wie sonst im öffentlichen Personenverkehr üblich. Die knapp hundert Gedichte laufen wie ein lyrisches Tagebuch über den Bildschirm, der womöglich die üblichen Ereignisse zeigt, die Texte freilich handeln alle von diesem entgleisten Planeten, der vielleicht als Ganzes auf der Flucht ist.

Oft wird gar nicht mehr unterschieden zwischen den Schutzsuchenden und Schutzgebenden, weil sich die Zustände mehrmals am Tag ändern können. Zwischen März 2015 und Februar 2016 verändern sich die Wörter im Stundentakt, was eben noch verboten ist, kann am Nachmittag schon verwendet werden, was ein No-go ist, kann eine Woche später schon zu einer gefeierten Maßnahme werden.

In den Gedichten tauchen dann auch jene Schlüsselwörter auf, die vielleicht einmal der Zeit den Namen geben werden: Zaun, Boot, Rettungsring, Flut, Aufnahmestopp, Obergrenze.

In einem Zensurgedicht sind alle fatalen Wörter aufgezählt und politisch korrekt durchgestrichen. (8) Eine ähnlich schwarze Liste gibt es über jene Politiker, die eigentlich durchgestrichen gehörten, aber das Jahr über ständig die Meinung wechseln, sodass sie immer Oberwasser haben. (19)

Das lyrische Ich leistet sich über weite Strecken subtile Gefühle und schließlich auch subjektive Einschätzungen. Eine Familie mit dem Namen des Autors ist schon seit Jahrhunderten unterwegs und braucht täglich Asyl und wird dennoch nie heimisch. Im biographischen Abspann ist davon die Rede, dass der Autor ein Leben lang über den Brenner hin und her gesprungen ist wie der typische Tennisball, ständig von der anderen Seite zurückgeschlagen.

In dem großen Asyl-Strom geht als erstes die Persönlichkeit verloren, trotz der Fügung von der Einzelprüfung. Dieser Zustand überträgt sich auf die einzelnen Gedichte, die aufgeladen über Umweg-Bilder genau das ausdrücken, was in der Mitte des Erzählstroms nicht mehr erzählt werden kann. „drei tote ratten / auf der straße / bei st. charles / marseille // die anderen leben / lungern und lauern / und hoffen sich / zu enden // 080715“ (47)

Allmählich verroht auch die Sprache der Dokumentation, aus dem Schutz einer ehemals großen Liebe treten die Verzerrungen von brutalem Sex heraus, was einmal ein Liebesgedicht hätte sein können, ist zu einem wilden Vögel-Gedicht verkommen. In ähnlicher Weise zeigt sich der Humanismus der Genfer Konvention plötzlich als bedrohlicher Berg von Schutzmaßnahmen, der brutal mit Floskeln abgearbeitet und verflacht werden muss.

Peter Giacomuzzis Texte sind alle mit einem Aufwühl-Datum ausgestattet, und die Botschaft lautet: So wild ist es damals zugegangen, aber bedenkt, was sich inzwischen wieder alles verändert hat! Asyl asyl sind Gedichte, die jeden Menschen verlässlich erreichen, so oder so.

 

Helmuth Schönauer 28/03/17

 

Frann

 

Peter Giacomuzzi hat achtzehn Jahre in Japan gelebt und an einer Universität in Tokyo unterrichtet. Frann ist seine erste Buchpublikation. In dieser Novela donnern der männliche und weibliche Kosmos aufeinander. Frann verdeutlicht diesen „Zusammenstoß“. Es ist die Verschmelzung und Kurzform von Frau und Mann. Der Text hat phasenweise eine Härte und Brutalität, die für Schöngeister und Romantiker nicht erträglich ist. Dazwischen tauchen surreale, verspielt-versponnene Bilder auf, die erstaunen lassen.

 

Erscheinungsdatum: 2010

Umfang: 104 Seiten

Preis: Euro 14.-

ISBN: 9783950270532

Rezension

frann

Die kürzeste Geschichte der Menschheit geht vielleicht so: Mann und Frau können nicht zusammenkommen und wenn sie es dennoch tun, entsteht daraus ein Murks.

 

 

Peter Giacomuzzi beschreibt in seiner plakativen Novela den Versuch, aus Mann und Frau eine Legierung „frann“ zu schmieden. Zuerst treten die Gender-Helden einzeln auf, dann als gemeinsame Katastrophe.

 

Im ersten Kapitel Mann ist der Held schon am Ende mit sich und seiner Ehe. Nach endlosen Nächten im Hamsterrad des Trinkens schleicht er sich jeweils heim zu seiner Frau, die wie totes Fleisch im Bett liegt und nichts mehr erwartet. Bei Tageslicht kann er arbeiten, weil er nichts denken muss, eine Sekretärin weiß um ihre Aufgabe, ihn dienstlich erregt und sich selbst aufregend kühl zu halten. Dem Helden schwinden manchmal die erotischen Sinne und die einzelnen Organe machen sich selbständig. Die Lippen der Sekretärin wandern unter den Schreibtisch und machen eine dienstliche Befriedigung. Anders ist diese Welt nicht zu ertragen. Und nach der Bar gehen jeweils zwei betrunkene Geschlechter ihrer Vereinigung entgegen, die sie nie erreichen können. (17) Und dann ist die Frau wirklich tot, wie der Hausarzt feststellt, für den Mann macht das keinen Unterschied, nur dass er jetzt die Kinder am Hals hat.

 

Im Kapitel von der Frau wird wie in einem psychologischen Protokoll von den Ritualen berichtet, mit denen die Tochter von damals früh auf ihre Rolle als Frau in einem Käfig vorbereitet wird. Der Vater spielt den Strengen, der die Welt durch Schweigen erklärt, der Großvater lässt manchmal ein Stück Herz aus und stirbt, die Mutter arbeitet still, wie es die Welt später auch von ihren Töchtern will. Es wird ihr beigebracht, immer andere zu lieben, nie sich selbst. Und dann zeigt ihr das Leben in allen Varianten, wie es bergab gehen kann. Falsche Männer, Abtreibung, Kinder, Trott, alles geht den Bach hinunter, der Tod ist die einzige Sicherheit.

 

 

In „frann“ schließlich zeigt die Gesellschaft, was sie von diesen Vereinigungsmodellen hält. Nach einem ehelichen Geschlechtsverkehr wird gestritten, wer das größere Arschloch sei, die Flausen der Nacht bekommt am nächsten Tag das Büro zu spüren, Frauen werden zu Fickfleisch, Männer landen beim Herumspringen im Herzinfarkt, in routinierten Geschlechterrollen umtanzen einander Mann und Frau wie Raubtiere, die von der jeweiligen Gefährlichkeit des anderen wissen. Frann wird zunehmend zu einer Pfanne, in der die Schmachtenden schmoren, während sie ständig von unsichtbarer Hand umgerührt werden. Letztlich treffen sich Mann und Frau wie Nachrichten auf einem Bildschirm, sie haben nichts miteinander zu tun aber offensichtlich das gleiche Sendeformat.

Peter Giacomuzzi erzählt in kleinen Partikeln und aus einem Guss gleichzeitig. Die einzelnen Sätze lassen sich kaum als solche wahrnehmen, es sind Muren von Erkenntnis, die auf den Leser abgehen. Beängstigend wahr und nur insofern beruhigend, als es offensichtlich eine Sprache gibt, um diese Unglückswucht zu beschreiben. - Elementare Hangrutsche zwischen Mann und Frau!

 

Helmuth Schönauer